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EPM – International Association of Ear Piercing Market Specialists

Ohrlöcher selbst zu stechen ist eine Praxis, die nicht neu ist, jedoch in den letzten Jahren – v.a. durch Soziale Medien – zunehmend an Sichtbarkeit gewinnt. Während das „Do-it-yourself“-Ohrlochstechen in der Vergangenheit meist mit improvisierten Mitteln wie Nähnadeln oder Sicherheitsnadeln durchgeführt wurde, werden hierbei heutzutage oft sogenannte „Self-Piercing-Kits“ bzw. „Ohrlochstech-Sets“ eingesetzt. Letztere enthalten meist Einwegkartuschen mit Stechohrringen, die von Hand durch das Ohr gedrückt werden. Sowohl die traditionellen als auch die „Selbst-Piercer“-Methoden stellen eine Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar, da selbst durchgeführtes Ohrlochstechen selten unter hygienischen Bedingungen abläuft.

Trügerische Sicherheit bei der Anwendung von „Selbst-Piercern“

Auf den einschlägigen Online-Marktplätzen erwerben Verbraucher:innen „Do-it-yourself-Piercing-Kits“, die einfaches und sicheres Ohrlochstechen auf kostengünstige Art suggerieren. Viele wählen solche Kits, weil sie die gesundheitlichen Risiken von traditionellen Methoden wie Nähnadeln oder Sicherheitsnadeln vermeiden wollen. Ihr Kauf ist also mit der Erwartung verknüpft, etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun. Diese Erwartung ist jedoch kritisch zu hinterfragen.

 

DIY ear piercing risks / Ohrlöcher selbst stechen: Risiken

Das Problem: Der europäische Binnenmarkt wird derart von Billigprodukten überflutet, dass in vielen Fällen nicht nachvollziehbar ist, wer der Anbieter bzw. Hersteller des Produktes ist. Zudem ist nicht ersichtlich, ob das Produkt CE-zertifiziert oder antiallergisch und nickelabgabearm nach EU REACH-Verordnung ist. Schließlich ist unklar, ob das Produkt steril ist und – wenn ja – für welchen Zeitraum.1

Dies sind Aspekte, die für Verbraucher:innen wichtig sind und die sie beim Kauf des Produkts erwarten. Mit dieser Erwartung wiegen sie sich jedoch in einer trügerischen Sicherheit, die zu gravierenden Folgen für die Gesundheit führen kann.

Die Folgen fehlender Sterilität und mangelnder Desinfektion beim „DIY“-Ohrlochstechen

Fachgerechte Hygiene ist ein entscheidender Faktor für sicheres Ohrlochstechen. Doch fehlt es den meisten Verbraucher:innen am notwendigen Fachwissen. So wird der Unterschied zwischen Desinfektion und Sterilität häufig nicht verstanden. Zahlreiche Videos in Sozialen Medien belegen, dass Verbraucher:innen die zu stechende Stelle des Ohrs nicht oder ungenügend desinfizieren.

Die Folge: Beim selbst gestochenen Ohrloch können Krankheitserreger in den Körper gelangen und Infektionen hervorrufen – mit der Folge, dass eine ärztliche Behandlung erforderlich wird. Dies wird unter anderem von Fallstudien belegt.2

Auf dem Prüfstand: Wie hilfreich sind TikTok-Videos zum DIY-Ohrlochstechen wirklich?

Auf Plattformen wie TikTok finden sich zahlreiche Videos, in denen Nutzer:innen sich Ohrlöcher mit Nähnadeln oder Do-it-yourself-Piercing-Kits stechen oder entsprechende Anleitungen geben. Hierbei werden eklatante Wissenslücken im Hinblick auf Infektionsrisiken deutlich.

So werden beispielsweise die Hände oft unzureichend desinfiziert und keine Einweghandschuhe getragen. Die sterilen Stechohrringe in den Einwegkartuschen werden mit verunreinigten Wattepads berührt. Oder es werden die frisch gestochenen Ohrlöcher und Ohrringe mit nicht desinfizierten Händen berührt.

Zudem zeigen einige Videos, dass Ohrlöcher an einer ungewünschten Position oder in einem falschen Winkel gestochen werden. Oft liegt das daran, dass die Anwenderin bzw. der Anwender stark zittert, kein hautfreundlicher Markierstift verfügbar oder die Markierung aus der DIY-Anwender:innen-Perspektive schlecht sichtbar war. Ein weiterer Grund ist die fehlende Fachkenntnis über das Ansetzen des Instruments im richtigen Winkel.

Daneben kann die unzureichende Qualität eines Do-it-yourself-Piercing-Kits für die Anwenderin bzw. den Anwender unter Umständen gravierende gesundheitliche Folgen haben. So sind in einigen Videos funktionelle Störungen wie das Verklemmen der Einwegkartusche oder der Ohrringführungen an der Stechstelle zu sehen, was im schlimmsten Fall zu einem Besuch in der Notaufnahme führt. Darüber hinaus können falsch positionierte, zu nah am Stichkanal sitzende Ohrringverschlüsse gesundheitliche Probleme verursachen und beispielsweise ins Ohrläppchen einwachsen.3

Regulierung, Zugang und unbeabsichtigte Folgen

Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit ist die individuelle Entscheidung von Verbraucher:innen, ob sie Ohrlöcher selbst stechen oder von professionellen Dienstleister:innen stechen lassen, maßgeblich vom Zugang zu professionellen Angeboten abhängig. Sind sichere, professionelle Angebote leicht verfügbar, greifen Verbraucher:innen seltener auf informelle Alternativen zurück. Ist der Zugang dagegen eingeschränkt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Eingriffe eigenständig und unter unkontrollierten Bedingungen durchgeführt werden.

Diese Dynamik ist besonders relevant im Hinblick auf Diskussionen zur Gesetzgebung. In einigen Fällen wird Ohrlochstechen ähnlich reguliert wie komplexere invasive Verfahren, mit vergleichbaren Anforderungen an Schulung und Anwendung. Auch wenn dies der Gesundheit dienen soll, berücksichtigt ein solcher Ansatz nicht immer die Unterschiede in Komplexität und Risikoprofil.

So führen zu hohe technische und persönliche Anforderungen an das professionelle Ohrlochstechen dazu, dass die Anzahl der Ohrlochstechanbieter:innen signifikant sinkt. Eine geringere Auswahl an Anbieter:innen hat zur Folge, dass Ohrlochstechinteressierte vermehrt Ohrlöcher selbst stechen. Der Anreiz für Verbraucher:innen zum „Do-it-yourself“-Ohrlochstechen würde so also unbeabsichtigt erhöht.

Der Internationale Verband der Ohrlochstech-Spezialisten (EPM e.V.) betont deshalb, dass wirksamer Gesundheitsschutz nicht mit zu hohen technischen und persönlichen Anforderungen an das Ohrlochstechen erreicht werden kann. Vielmehr ist eine ausgewogene Betrachtung anzuwenden, die Gesundheitsschutz und persönliche und technische Anforderungen in Einklang bringt. Anbieter:innen professioneller Ohrlochstechsysteme arbeiten ausschließlich mit sterilen Komponenten, standardisierten Anwendungen und strukturierter Nachsorge. Dies ist im privaten Umfeld nicht möglich.

Selbst durchgeführtes Ohrlochstechen verdeutlicht damit eine grundlegende Herausforderung für den Gesetzgeber: Fehlen sichere und breit zugängliche Alternativen, bleiben gesundheitsgefährdende Praktiken wie das „Do-it-yourself“-Ohrlochstechen bestehen. Um dies zu vermeiden, sollte der Gesetzgeber neben den positiven auch die negativen Effekte einer beschlossenen oder bestehenden Norm betrachten. Hilfreich kann hierbei unter anderem der Dialog mit Fachverbänden sein. Nur so kann dem Gesundheitsschutz als Gesetzgebungszweck Genüge getan werden.

Quellen

  • 1 Hamann, C.R., Hamann, D.J., Hamann, Q.J., Hamann, C.P., Boonchai, W., Li, L.-F. and Thyssen, J.P. (2010), Assessment of nickel release from earrings randomly purchased in China and Thailand using the dimethylglyoxime test. Contact Dermatitis, 62: 232-240. https://doi.org/10.1111/j.1600-0536.2010.01694.x
  • 2 Vargas, J., Carballo, M., Hernández, M., Rojas, N., Jiménez, O., Riera, J., Romero, L., Rodriguez-Morales, A.J. and Silva, M. (2005), Rapid Development of Auricular Infection Due to Imipenem-Resistant Pseudomonas aeruginosa following Self-Administered Piercing of High Ear. Clinical Infectious Diseases, 41(12): 1823–1824. https://doi.org/10.1086/498317
  • 3 Wichyanrat, S. (2024), Concurrent and prolonged embedded earring at the earlobe as a possible factor of erosive lichen planus. Clinical Case Reports, 12: e9431. https://doi.org/10.1002/ccr3.9431